Mehr Sicherheit im Sattel

Im Falle eines Falles kann die richtige Ausrüstung Schlimmeres verhindern. (Foto: Equipics)

Ein Sturz vom Pferd kann jeden Reiter treffen. Eine Garantie für einen folgenlosen Reitunfall kann es nicht geben. Sicherheit sollte daher beim Reiten oberste Priorität haben. Die richtige Ausrüstung hilft, Verletzungen zu reduzieren. Doch nicht immer hält das Equipment, was es an Schutz verspricht.

 

Pferde können über 500 Kilogramm wiegen, mit der Kraft ihres 1,8-fachen Körpergewichts ausschlagen oder treten und eine Geschwindigkeit von bis zu 70km/h erreichen. Allein ihre Größe und Kraft sind ein nicht zu unterschätzendes Risiko. „Kommt es zu einem Reitunfall, gibt es keine Gewährleistung dafür, dass dieser für den Menschen ohne Folgen bleibt – auch wenn die Stürze fast zur Hälfte aus Prellungen und Quetschungen, zum Teil ohne relevante Behandlungsoptionen, bestehen. Hiervon sind vor allem der Rumpf und die oberen Extremitäten betroffen“, sagt Prof. Dr. med. Norbert M. Meenen, Sprecher der Hamburger AG für Reitsicherheit und Leiter der Sektion Kindersportmedizin im chirurgisch-traumatologischen Zentrum des Asklepios-Klinikums St. Georg in Hamburg. Studien zeigen nämlich ebenso, dass beim Reitsport mehr und schwerere Unfälle auftreten als beispielsweise im motorisierten Sport. Davon sind vor allem die Geländereiter betroffen.

Häufige Stürze im Gelände

 

„Bei Wettbewerben im Gelände nimmt mit zunehmendem Anspruch der Hindernisse die Sturzhäufigkeit zu. In der höchsten Klasse stürzt etwa jeder 15. bis 20. Reiter“, weiß der Experte. Trotz vieler Stürze verletzen sich die Reiter zum Glück relativ selten. „Kommt es jedoch zu Verletzungen, so sind diese häufig schweren Grades“, heißt es in „Der Turnierarzt – Handbuch für Ärzte im Reitsport“ (2. Auflage 2016), das Meenen gemeinsam mit den Autoren Dr. med. Patrick D. Dißmann, Dr. med. Christian Schröter für Turnierärzte verfasst hat. Die Kopfregion und Gliedmaßen seien am häufigsten betroffen, während Wirbelsäule und Torso seltener in Mitleidenschaft gezogen würden.

 

„Im Dressur- und Springsport hingegen sinkt die Sturzrate mit dem steigenden Schwierigkeitsgrad der Reitsportveranstaltung. Das heißt: Je qualifizierter die Turnierteilnehmer sind, desto weniger fallen vom Pferd“, weiß Meenen.

 

Die Häufigkeit und der Schweregrad reitunfallbedingter Verletzungen können durch präventive Maßnahmen verringert werden. Dazu zählen, so der Experte, eine gute Fitness von Pferd und Reiter, smartes Reiten unter Berücksichtigung des Bewegungsdrangs und des Fluchtreflexes von Pferden, Risikobewusstsein und Respekt vor dem vierbeinigen Sportpartner sowie die richtige Auswahl des Reitpferdes, das zu den reiterlichen Fähigkeiten des Reiters passen sollte. „Ergänzt werden können oder müssen diese entscheidenden Voraussetzungen für ein sicheres Reiten durch die Verwendung von Sicherheitszubehör“, sagt er. Vor allem der Kopf, eines der empfindlichsten und zugleich wichtigsten Körperteile, sollte einen sicheren Schutz erfahren. 

 

„Genormte Reithelme unterliegen technischen Kriterien (u.a. Sichtfeld, Stabilität, Durchdringungsstabilität, seitliche Verformung, Abstreifsicherheit) und müssen verschiedene Tests bestehen. Die Standards berücksichtigen lineare Aufprallszenarien zum Schutz des Schädels, aber keine Aufschläge mit Rotationskraft“, kritisiert der Experte. Wenn ein Reiter stürzt, fällt er aber in den seltensten Fällen senkrecht wie ein Stein mit dem Kopf zuerst auf den Boden oder knallt vertikal mit dem Haupt voran gegen einen Gegenstand. Vielmehr kommt er mit Schwung schräg auf dem Boden auf. „Die Testkriterien aller Helme müssten sich daher neben den technischen Aspekten und dem direkten Impact vor allem mit der Auswirkung der Drehbewegung auf den Kopf auseinandersetzen“, meint der Professor.

 

Gefährliche Rotationskraft

 

Den Rotationsaspekt berücksichtigen derzeit aber nur Helme mit dem so genannten MIPS-System. MIPS steht für Multi-Directional Impact Protection System und wurde von dem schwedischen Neurochirurgen und Professor Hans von Holst und Peter Halldin, Forscher am Swedish Royal Institute of Technology, entwickelt. Es imitiert das körpereigene Schutzsystem des Gehirns, das sich vor Schäden schützt, indem es im Gehirnwasser frei hin- und hergleitet und sich die Kopfhaut gegenüber der Schädelkalotte verschiebt.

 

Kommt es zu einem Sturz des Reiters, passiert Folgendes: Der Kopf kommt in einem schrägen Winkel auf den Boden auf und wird plötzlich gebremst. Die auftretenden Rotationskräfte führen zu einer hohen Belastung des Hirngewebes. Das Hirn bewegt sich auf einmal weit mehr als normal. Im schlimmsten Fall zerreißen Gefäße und Einblutungen entstehen. Die Folge? Hirnverletzungen. „Ein mit MIPS-Technologie ausgestatteter Helm reduziert genau diese Rotationsbewegung bei einem Sturz. Das gelingt technisch mit einer reibungsarmen Zwischenschicht, die sich in alle Richtungen verschieben lässt“, erklärt Meenen. Die Helmschale gleitet über die Zwischenschicht und dreht sich unabhängig vom Kopf. „So wird der natürliche MIPS verstärkt“, fasst der Experte zusammen.

 

Reithelme, die diese Funktion nicht besitzen, mindern lediglich den geradlinigen Teil des Aufpralls. Sie schützen das Haupt vor Kopf-, Kopfhaut und Stirnverletzungen (z.B. durch Tritte des Pferdes, Steine am Boden) und dämpfen alle übrigen mechanischen Einflüsse. Einen garantierten Schutz vor Gehirnerschütterungen und der erheblichen Anzahl an Schädel-Hirn-Traumen können sie aber nicht bieten. „Deshalb müssen Reithelme besser werden. Die Helmentwicklung ist ein dauernder Prozess. Hersteller müssen sich an neue wissenschaftliche Erkenntnisse anpassen“, sagt er.

Wichtig: Bei einem Sturz oder Schlag auf den Kopf sollte der Reithelm sofort ausgetauscht werden.

 

Reithelmpflicht der FEI

 

Das Tragen eines Schutzhelms ist ab 2021 für alle Reitsportdisziplinen der Fédération Équestre Internationale (FEI) Pflicht. Diese Regelung gilt für sämtliche Disziplinen vor, nach und während des Wettbewerbs. Nur die Voltigierer, die Fahrdressur und das Kegelfahren sind davon ausgeschlossen.

„Im Gegensatz zum Helm hat der Reiter durch die Polsterung der Sicherheitsweste immer ein Sicherheitsplus. Sie funktioniert jederzeit, ob man sitzt, steht oder fällt“, so Meenen. Sicherheitswesten versprechen also nicht nur mehr Sicherheit, sondern halten sie auch ein, indem sie schweren Verletzungen im Bereich von Rücken, Wirbelsäule, Bauch und Brustkorb vorbeugen. „Nach Einführen der Sturzwestenpflicht ist es zu einer signifikanten Verringerung der Zahl von Verletzungen des Schultergürtels, Thorax, Abdomens und in manchen Fällen auch des Beckens gekommen“, heißt es in „Der Turnierarzt – Handbuch für Ärzte im Reitsport“. Herz, Lunge und die großen Gefäße, Milz, Leber und Bauchspeicheldrüse werden abgedeckt und somit geschützt, ergänzt Meenen. Die Wirbelsäule hingegen erfährt nur einen Schutz vor direkten Stößen. Frakturen von Brust-, Lenden- und Halswirbelsäule, die durch Stauchung an den Enden von Rumpf, Kopf und Steiß zustande kommen, kann sie nicht verhindern.

 

Airbag-Westen bieten Schutz

 

Viele Reiter setzen auch auf Airbag-Westen, die eine hohe Schutzfunktion aufweisen. Sie sind mit speziellen Luftkammern und Schläuchen ausgestattet, die beim Sturz innerhalb von Sekundenbruchteilen mit CO2 aufgeblasen werden. Ausgelöst wird der Airbag über eine Verankerungsschnur, die der Reiter beim Aufsitzen vorne am Sattel befestigt. Trennen sich Ross und Reiter, wird das Ventil ausgelöst und die Weste gefüllt.

„Doch in der Entwicklung der Airbag-Westen hat sich seit Jahren prinzipiell wenig Neues getan: Dabei wissen die Hersteller, welche Neuerung jetzt anstünde, nämlich die elektronische Auslösung“, kritisiert Meenen. Ein Sensor, der die Sattelposition erkennt, könnte in Sekundenbruchteilen eine bedrohliche Fehlstellung des Pferdes wahrnehmen und einen Impuls zum Aufblasen auslösen, während der Reiter im Sattel verbleibt. Das könnte Reitern bei Überrollstürzen das Leben retten. Denn die so genannten „slow rotational falls“ sind die gefährlichsten Stürze überhaupt. Besonders bei technisch anspruchsvollen, festen Geländehindernissen, die nur in einer niedrigen Geschwindigkeit angeritten werden können, ist die Gefahr eines Überschlags mit dem Pferd groß.

Neben den Sicherheits- und Airbag-Westen gibt es noch flexible Rückenprotektoren auf dem Markt, von denen der Experte jedoch abrät. „Rückenprotektoren schützen die Wirbelsäule nur vor direkten Traumen, die aber nur sehr selten auftreten“, erklärt er.  Eine Schaum-Verstärkung der Front dämpft zudem nur sehr leichte Schläge und Stöße ab. 

 

Sicherheitsbügel geben den Fuß frei

 

Wenn der Reiter stürzt, ist es außerdem wichtig, dass er nicht im Steigbügel hängen bleibt und vom Pferd mitgeschleift wird. „Durch ein Hängenbleiben im Steigbügel kann sich das Verletzungsausmaß beim Sturz vom Pferd noch erhöhen, da nun die Hufe und Gegenstände auf dem Boden zusätzlich einwirken“, so Meenen. Deshalb gehören Sicherheitssteigbügel mittlerweile fast schon zur Standard-Ausrüstung. Sie bieten denselben Halt wie herkömmliche Bügel, geben aber durch verschiedene Mechanismen den Fuß im Ernstfall innerhalb von Sekundenbruchteilen frei.


 Im Falle eines Unfalls sollte der Pferdebesitzer gegen die finanziellen Folgen von Sach- oder Personenschäden, die sein Tier eventuell beim Weglaufen verursacht, abgesichert sein. Er haftet nämlich für alle Schäden, die sein Vierbeiner anrichtet. Deshalb ist eine Pferdehalter-Haftpflichtversicherung sinnvoll. Manche Stallbetreiber verlangen diese von ihren Einstellern, auch wenn sie gesetzlich nicht vorgeschrieben ist.

Eine private Unfallversicherung schützt den verunfallten Reiter vor weiteren möglichen finanziellen Konsequenzen. Die Erstbehandlung nach dem Sturz wird von der jeweiligen Krankenkasse übernommen, die Unfallversicherung jedoch zielt auf weitere Unfallfolgen – wie beispielsweise eine Invalidität – ab.


Unser Experte


Prof. Dr. med. Norbert M. Meenen ist Leiter der Kindersportmedizin im chirurgisch-traumatologischen Zentrum des Asklepios-Klinikums St. Georg in Hamburg. Als Sprecher der Hamburger AG für Reitsicherheit betreut er zudem wissenschaftliche Analysen und experimentelle Studien zum Unfallgeschehen im Reitsport. www.hamburger-ag-reitsicherheit.de

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